Treffen sich zwei Stadtschreiber (2)

Bei Zoom braucht man keinen Mundschutz, nur eine Flasche Club Mate (in Berlin) und ein Glas Whiskey (in Dundalk): Letzte Woche habe ich mich per Videocall mit Marcel Krueger getroffen, dem letztjährigen Stadtschreiber. Marcel hat 2019 im Auftrag des Deutschen Kulturforums Östliches Europa fünf Monate aus dem polnischen Olsztyn/Allenstein gebloggt.

Und er war – im Gegensatz zu mir – schon mal in Rijeka!

Gestern lief Marcels Text über unser Treffen. Nun folgt meiner – und zwar als Auflistung. Listen sind die neuen Katzenvideos, schnell und unterhaltsam. Außerdem glaube ich, dass die Fähigkeit vieler Menschen, langen Texten zu folgen, die ohne Listen und ohne Katzenvideos auskommen, immer weiter abn…

Wo hat Mary den Whiskey versteckt?

  • Marcel mag kalte Inseln: Irland (da lebt er seit 2006), Island (darüber hat er gerade einen literarischen Reiseführer geschrieben) und Grönland/Spitzbergen (da will er unbedingt noch hin)
  • Und Marcel hasst den Sommer. Seine pessimistische Grundhaltung war mir sofort sympathisch. Ich zitiere aus seinem Allenstein-Blog:

Ich hasse den Sommer. Meistens. Sonne und Hitze erscheinen mir immer wie ein falsches Versprechen, als würde jemand deinen Kopf streicheln und sagen, dass alles gut wird und mit Zikaden und Sonnenuntergängen am Strand endet. Aber das stimmt nicht, Winter kommt für uns alle, und jeder Mensch wird sterben.

  • Wer jetzt denkt, Marcel sei ein sommerhassender, whiskeytrinkender Griesgram, der am Ende der Welt lebt, liegt falsch. Er hasst vielleicht den Sommer (meistens) und trinkt Whiskey, lebt aber nicht am Ende der Welt, sondern am Ende Europas! Und er ist auch kein Griesgram, denn er hat den richtigen Humor. Das wiederum verrät sein Literaturgeschmack.
  • Wir haben nämlich ein gemeinsames Lieblingsbuch: Fabian von Erich Kästner.
  • Marcels Lieblingsstelle:

Wenn man am Wittenbergplatz auf den Autobus 1 klettert, an der Potsdamer Brücke in eine Straßenbahn umsteigt, ohne deren Nummer zu lesen, und zwanzig Minuten später den Wagen verlässt, weil plötzlich eine Frau drinsitzt, die Friedrich dem Großen ähnelt, kann man wirklich nicht wissen, wo man ist.

  • Meine Lieblingsstelle:

In der Mitte saß eine Blechkapelle und spielte, als hätten die Musiker miteinander Streit gehabt.

  • Weitere Gemeinsamkeiten: Wir haben Englisch und Geschichte studiert, wir waren im James Joyce Museum in Triest, wir lesen (wahrscheinlich) mehr englischsprachige Literatur als deutsche.
  • Und Marcel schreibt nach all den Jahren im Ausland auch lieber auf Englisch. Für seinen Blog aus Allenstein hat er sich sicherheitshalber ein deutsches Grammatikbuch gekauft. Marcel arbeitet übrigens als Übersetzer und Redakteur – und Autor.
  • Sein bislang wahrscheinlich persönlichstes Buch hat er auch auf Englisch geschrieben: Babushka’s Journey – The Dark Road to Stalin’s Wartime Camps. Darin erzählt er die Geschichte seiner Großmutter, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ostpreußen vertrieben wurde und im sowjetischen Arbeitslager gefangen war, bevor sie in Nordrhein-Westfalen eine Familie gründete. Das Buch ist auch ins Deutsche übersetzt worden.

Wenn man klein ist, weiß man im Grunde gar nichts. Ich wusste damals zum Beispiel nicht, dass die Welt, in der ich lebte – meine bequeme, vorhersehbare Welt, in der es sonntags zum Mittagessen Hähnchenschnitzel mit Püree gab, mit Nachschlag für jeden, der wollte –, nicht die erste Welt meiner Großmutter war, nicht einmal ihre zweite. Die Welt, in der sie aufgewachsen war, lag an ganz anderen Orten, die von anderen, ursprünglicheren Gesetzmäßigkeiten bestimmt wurden.

Aus: „Von Ostpreußen in den Gulag“
  • Gerade arbeitet Marcel an einem Buch über seinen Großonkel Franz – einem Banker mit polnischen Wurzeln, der im Berlin der 1930er und 40er-Jahre für den polnischen Geheimdienst spionierte und vom Hitler-Regime in Plötzensee hingerichtet wurde. Marcel findet:

Es gibt so viele Geschichten auf der Welt, warum soll ich welche dazu erfinden?

  • Romane sind für ihn – im Gegensatz zu mir – daher auch eher Eskapismus. Marcel mag Sachbücher lieber – zum Beispiel die Marlon Brando-Biografie von Jörg Fauser. Da waren wir uns dann aber schnell wieder einig. Nämlich darüber, dass Jörg Fauser zu den besten deutschen Schriftstellern zählt.
Jörg Fauser 1985, zwei Jahre vor seinem tragischen Unfalltod. (Quelle: imago/teutopress)
  • Zurück zum Eskapismus und hin zu irischen Pubs. Man sollte sich dort nicht von der Freundlichkeit der Besucher täuschen lassen, warnte mich Marcel. Ein Satz, und die Iren wüssten sofort, aus welchem Dorf einer komme – und ob er dazu gehöre. Oder wie Marcel sagte:

Sie sagen dir nicht, wo Mary den Whiskey versteckt hat, wenn du nicht von dort bist.

  • Übrigens heißt Marcel eigentlich Marcel Krüger, aber seit er in Irland lebt, nennt er sich Krueger. Mit einem ü kann ein Ire nichts anfangen.
  • Nach Deutschland wird er so schnell wohl auch nicht zurück kommen – gerade hat er sich um die irische Staatsbürgerschaft beworben. Was man wohl tun muss, um Ire zu werden?
  • Man muss jedenfalls nicht wissen, wo Mary den Whiskey versteckt hat. Und auch sonst keinen Test machen. Aber man muss fünf Jahre in Irland gelebt und Steuern gezahlt haben – und nochmal Geld zahlen (für den Antrag). Und dann nochmal. (Wenn dem Antrag stattgegeben wurde.) Dann ist man Ire. Wenn ich das richtig verstanden habe.
  • Ich drücke jedenfalls die Daumen!
  • Und kehre nochmal auf eine andere kalte Insel zurück: Was man denn über isländische Literatur wissen müsse, wollte ich von Marcel wissen. Und er erklärte mir, dass in Island Nordic Noir boomt – brutale Krimis also. Dabei gab es in Island zuletzt vor drei Jahren einen Mord. Und davor vor zehn. Die Isländer erschreiben sich also, was sie nicht haben.
  • Eine gute Überleitung zu Rijeka: So lange ich nicht dort sein kann, nehme auch ich alles, was ich dazu kriegen kann. Und Marcel war ja wie gesagt schon da. Vor 100 Jahren per Interrail. Und wie war Rijeka?

Ernüchternd.

  • Gut, er mag halt kalte Inseln lieber.
  • (Für alle, die bis hierhin gelesen haben nun ein Katzenvideo, leider nicht aus Rijeka.)

3 Gedanken zu „Treffen sich zwei Stadtschreiber (2)“

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