Von Sisi, Torpedos – und Robert de Niro

Österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, italienischer Faschismus oder sozialistisches Jugoslawien: Rijeka hatte seit dem Mittelalter verschiedene Staatszugehörigkeiten – nicht immer freiwillig. In Reportagen spüre ich den unterschiedlichen Epochen nach. Heute: Die Zeit der Habsburger Monarchie.

Dass der österreichische Kaiser einmal neben einem italienischen Popsänger landen würde, hätte er vermutlich nicht erwartet.

Das Konterfrei von Kaiser Franz Joseph I. prangt neben Zucchero, ein paar Gesichter weiter schaut einen Robert de Niro an – 15 berühmte Männer (und eine Frau, die Tänzerin Isadora Duncan) sind als Graffiti im kleinen Städtchen Opatija nahe Rijeka verewigt, darunter Albert Einstein oder Gustav Mahler. Auf der Graffitiwand im Park Angiolina gibt es keine Standesunterschiede, es zählt nur, wer schon einmal hier war.

Wer Rijekas Zeit in der Habsburger Monarchie erkunden will, der beginnt am besten im benachbarten Opatija. Die Graffiti stechen raus in der 10 000 Einwohner zählenden Küstenstadt, die ansonsten wie eine Art Disneyland für k.u.k-Fans wirkt. Ein paar Meter neben der Graffitiwand rund um den Kaiser wirbt ein Plakat mit Sisi – in einer Ausstellung geht es um ihren fashion closet, die Kleider der Kaiserin also.

Sisi-Konfekt und Franz-Joseph-Promenade

Die Cafés heißen Mahler (der soll hier seine 4. Sinfonie fertiggestellt haben) oder Wagner, die Veranstaltungshalle nennt sich Royal Hall. In Glasvitrinen wartet Sachertorte, und der Champagner steht schon morgens eisgekühlt in einem mobilen Wägelchen bereit. Jeden September findet der so genannte Wien Ball statt, auf Fotos gleicht er einer Kostümparty von Monarchiefans. (Dieses Jahr fällt er aus wegen Corona.)

Wie kommt das alles?

Opatija war im 19. Jahrhundert ein beliebter Kurort des europäischen Adels.

Mittelpunkt des höfischen Lebens war damals der Uferweg Lungomare, eine zwölf Kilometer lange Spazierstrecke neben dem Meer von Volosko über Opatija bis ins Dörfchen Lovran. Sie wurde 1888 angelegt und 1996 in Franz-Joseph-Promenade umbenannt, auf Kroatisch: Obalno šetalište Franza Josefa I.

Den Weg säumen alte Straßenlaternen, immer wieder finden sich einsame Bänke, versteckt in romantischen Buchten. Möwen sitzen stolz auf den Felsen im Wasser, Geckos huschen aus Mauerritzen und zurück. In der Luft liegt Salz, am Himmel brennt die Sonne, im Rücken des Meeres thront die Učka.

Man kann sich eigentlich ganz gut vorstellen, wie hier einmal die höfische Elite entlang stolzierte.

Wären da nicht die Abfalleimer für Hundekot, die Bodybuilder, die ihren Gangsterrap hören, die aufblasbaren Wasserspielplätze für Kinder und all die Pärchen, die auf ihre Smartphones starren.

Wobei vielleicht auch Kaiserin Elisabeth damals beim Spazierengehen nicht ganz bei der Sache war – in Volosko soll sie sich regelmäßig mit dem ungarischen Grafen Andrássy getroffen haben, vollständiger Name: Gyula Graf Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka der Ältere.

Angeblich hatten sie eine Affäre, laut Historikern ist das unbewiesen. Ihr Mann wiederum, Kaiser Franz Joseph (der Zweite), soll sicher fremdgegangen sein, gern auch in Opatija, aber das ist eine andere Geschichte.

In der Kultkonditorei Kaokakao in Volosko jedenfalls ist klar, zu wem man hält: die Schokoladenbombe ist nach Sisi benannt. Nicht nach Franz.

Vom Adelstreff zum Urlaubsort

Zurück zum Park Angiolina: Der gehört zur einer gleichnamigen Villa, die der Adelige Iginio Ritter von Scarpa aus Rijeka Mitte des 19. Jahrhunderts bauen ließ und die sich mit ihren ständigen Festen zum gesellschaftlichen Treffpunkt entwickelte. Bald wurde gar ein Pendelverkehr zwischen Rijeka und Opatija (damals Fiume und Abbazia) eingerichtet. Und mehr noch:

Um es den „Herrschaften“ gleichzutun, pflegten auch die einfachen Bürger Fiumes sonntags hinaus in das kleine Fischerdorf zu wandern, sich in den weiten Lorbeerhainen zu ergehen, sich unter schattigen Kastanienbäumen gütlich zu tun und zum Tagesabschluss in einer der Weinschänken einzukehren. So wurde Abbazia zum lokalen Ausflugsort und der Herr von Scarpa – ohne es zu wissen – zum Ahnherrn und Wegbereiter des Fremdenverkehrs in der Region Fiume.

Die österreichische Historikerin Renate Basch-Ritter in der Rijeka-Anthologie Europa erlesen

Tatsächlich entstand mit dem Hotel Kvarner das erste überhaupt in der Region. Es ist bis heute in Betrieb.

Erst Niedergang, dann Nostalgie

Doch die goldenen Zeiten hielten nicht lange: Nach dem Niedergang des Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs (1914-18) fiel Opatija an Italien, das stolze Seebad verkam zu einem von vielen, die Österreicher wurden vertrieben. Wenn die Habsburger Zeit nicht schon hier in Vergessenheit geriet, dann spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

„Das soziale Umfeld änderte sich nach 1945 komplett“, erzählt Lidija Nikočević, Leiterin des Istrischen Volksmuseums in Pazin.

Menschen aus allen Teilen Jugoslawiens kamen nach Opatija, viele arm und vom Land. Die Habsburger Villen wurden zu Wohnungen für Arbeiter, oft im Dienstleistungssektor. Bis heute gibt es hier eine Schule für angehende Köche.

„Diese Nostalgie für die Habsburger Zeit wird gerne von der Tourismusbranche bedient, aber die Menschen, die in Opatija leben, fühlen sich mit dieser Zeit nicht wirklich verbunden“, sagt Nikočević.

Die Sachertorte und der Septemberball dürften also vor allem Kaiserfans und Touristen ansprechen, kaum die Bewohner vor Ort. Damir Steinfl, ein Künstler, der sein ganzes Leben in Opatija lebt, fragt: „Stimmt es, dass es in Deutschland 50 Sisi-Filme gibt?“

Den Comiczeichner stören weniger die im Habsburger Gelb herausgeputzten Villen, die heute luxuriöse Unterkünfte für betuchte Gäste aus dem Ausland sind, als die leerstehenden Neubauten in den Hügeln über der Stadt. Moderne Betonkomplexe, die keiner zu beziehen scheint. Steinfl deutet auf ein großes, neues Appartementhaus mit heruntergelassenem Rollladen: „Das hat nichts mit Corona zu tun.“

Steinfls Verbindung zu den kaiserlichen Zeiten ist unter anderem einer seiner Urgroßväter. Der soll mal ein paar Tage als Übersetzer mit einem der Habsburger durch Istrien gereist sein – mit welchem der vielen Habsburger ist aber nicht ganz klar. „Eine Familienanekdote“, sagt Steinfl, „keine Ahnung, ob sie stimmt“. Die Großmutter wird diesen Sommer 100.

„Der Kommunismus hat alles verändert“

Auch in der Familie von Ervin Dubrović lebt noch jemand aus dieser Generation: sein Vater ist über 90. Dubrović, der seit mehr als 20 Jahren das Stadtmuseum in Rijeka leitet, landet immer wieder bei ihm, bei Mussolini, beim Faschismus, in Jugoslawien, beim Kommunismus, wenn es gerade noch um Habsburg ging. Bald wird klar: In Rijeka ist in zu kurzer Zeit zu viel (Schreckliches) passiert, als dass ausgerechnet die Kaiserzeit im Selbstverständnis der Menschen überdauern könnte.

Oder wie Lidija Nikočević über die eher spärliche k.u.k.-Erinnerungskultur in der Hafenstadt sagt: „Wie sollten denn Fabrikarbeiter, die aus den ärmlichsten Gegenden des Landes stammten, eine Verbindung zu dieser Sisi-Zeit haben?“

Denn ähnlich wie nach Opatija kamen nach Rijeka in den 1950er Jahren Arbeiter aus allen Teilen Jugoslawiens, in dem Fall auf der Suche nach einem Job in der Industrie. Dubrović: „Der Kommunismus hat alles verändert. Hier ist es einfach nicht wie in Triest.“

Stadtmuseumsleiter Ervin Dubrovic

Die 70 Kilometer entfernte und inzwischen italienische Stadt teilt mit Rijeka das österreichisch-ungarische Erbe. Am Triester Bahnhof begrüßt den Reisenden auch direkt Sisi – als übergroße steinerne Statue. Wer dagegen am Bahnhof in Rijeka aussteigt, blickt auf die deprimierenden Industriebrachen am Hafen – vom Hochadel keine Spur.

Zunächst.

Denn es ist nicht so, als wäre das k.u.k-Erbe hier nicht sichtbar, im Gegenteil. Die Architektur in der Innenstadt rund um die Haupteinkaufsstraße Korzo, die Uferstraßen und das Viertel am Nationaltheater sind voll von Palästen und herrschaftlichen Häusern. Immer wieder erinnern die Straßenzüge an Wien oder Budapest, nur verwaschener, morbider, kleiner sowieso.

Rijeka erinnert sich anders

Im Vergleich zu Triest aber, wo die Kaffeehäuser (fast) wie in Wien aussehen, es geführte Rundgänge rund um die Habsburger Vergangenheit gibt und die Touristen im Sommer schon mal zwei Stunden Schlange stehen, um einen Blick ins Schloss Miramare zu werfen, dem früheren (und tragischen) Liebesnest von Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich und seiner Frau Charlotte von Belgien, setzt Rijeka wenig auf diesen Teil seiner Vergangenheit.

Erst vor drei Jahren jedenfalls wurde das alte Wahrzeichen, der habsburgische Doppeladler, wieder auf die Spitze des Stadtturms gesetzt. Eine alte ungarische Fahne wiederum darf nicht benutzt werden – das Innenministerium in Zagreb befand sie 2018 für ein separatistisches Symbol, wie der Historiker Péter Techet im Kulturmagazin Zibaldone schreibt.

Blick aus der Stadtschreiberwohnung direkt auf den Stadtturm mit dem Adler
Die zwei Köpfe des Adlers symbolisierten die Doppelmonarchie: Österreich und Ungarn

Dafür setzt Rijeka auf sein Torpedomuseum: the worlds‘ first steht auf einem Banner in der Innenstadt. Gemeint ist nicht das Museum, sondern der Torpedo. In Rijeka wurde die Seevernichtungswaffe erfunden, die einstige Testanlage (immerhin bis 1966 genutzt) verrottet derzeit im Hafen.

Blütezeit unter den Ungarn

Die Erfindung des Torpedos fiel in die Blütezeit der Stadt: Zwischen 1870 und 1910 verdoppelte sich die Bevölkerung, der Hafen entwickelte sich mit mehr als zwanzig großen Betrieben und Schiffswerften zum achtgrößten in Europa, die Stadt bekam eine elektrische Straßenbahn und Bahnlinien nach Ljubljana, Wien, Triest, Budapest und Zagreb. Auch eine Militär- und Seefahrerakademie befand sich hier – die einzige im ganzen Kaiserreich.

1885 wurde außerdem das Nationaltheater nach den Entwürfen der Wiener Architekten Fellner & Helmer errichtet, an dessen Decke sich dann auch gleich der junge Maler Gustav Klimt (zusammen mit seinem Bruder Ernst) erprobte.

„Die Stadt hat ihren Aufschwung im späten 19. Jahrhundert unter der Verwaltung der Ungarn erlebt“, sagt auch Stadtmuseumsleiter Dubrović. Zunächst sei das gut gegangen. Zusammen stand man gegen die Österreicher, die, obwohl in der Doppelmonarchie mit den Ungarn verpartnert, mit ihrem Stammhafen Triest Rivalen waren.

„Dann aber“, sagt Dubrović, „kam der Nationalismus“.

Im frühen 20. Jahrhundert brachten Intellektuelle und Politiker überall in Europa zunehmend die Idee von Nationalstaaten auf. Für die einfache Bevölkerung damals nicht mehr als ein vages Konzept, wenn sie überhaupt etwas davon mitbekam. Man definierte sich eher darüber, welche Religion man teilte oder welche Sprache man sprach. So war es auch die Sprache, die die Menschen in Rijeka gegen die Ungarn aufbrachte, die die Stadt seit 1867 von den Österreichern übernommen hatten und seitdem verwalteten.

Sprachenzwang als Assimilierung? Das kannte das alte Österreich nicht. Die Ungarn mussten Wasser in ihren Wein schütten. Alles plauderte munter im venezianischen Dialekt weiter, sprach weiter mit Bauern und Hausangestellten kroatisch, mit Militärs und sonstigen Wiener Prominenten deutsch; und die fremdartige ungarische Sprache blieb auf wenige beschränkt.

Aus einem Text von Maria Lauffer-Ossoinack (1882-1957) in der Rijeka-Anthologie Europa erlesen

Die Opposition wuchs, die Spuren der Bewegung, die wegen ihrer konspirativen nächtlichen Treffen Fledermäuse genannt wurden, sind bis heute zu sehen:

Hat nichts mit Batman zu tun: Eine sehr schmale Gasse in der Innenstadt heißt Fledermausstraße, denn ganz in der Nähe haben sich früher die Oppositionellen getroffen.
Das wiederum ist der Name einer Bar, eine Fledermaus-Bar also. Auch hier findet man sicher den ein oder anderen Oppositionellen.

Das Ende der Fremdherrschaft unter den Ungarn und damit auch der Habsburger Monarchie, zu der Rijeka immerhin seit 1465 gehörte, brachte schließlich der Erste Weltkrieg. Danach erfüllte sich kurzzeitig der Traum der Autonomen: Rijeka wurde mit dem Vertrag von Rapallo 1920 zum Unabhängigen Freistaat erklärt. Vier Jahre jedenfalls. Dann begann die nächste Fremdherrschaft – unter den Italienern. Das aber ist eine andere Geschichte. (Und meine nächste Reportage.)

Und heute? Ist die Stadt endlich frei?

„Freiheit“, antwortet Dubrović und lacht, „ist doch eine Illusion.“ Dann schiebt er hinterher: „Aber vielleicht fühlt sich die Stadt freier an, als sie es zuvor war.“

Ein neues kulturelles Zentrum

Für den Museumschef jedenfalls ist Rijeka am „habsburgischsten“ im Benčić-Komplex – einem riesigen Industrieareal gegenüber vom Bahnhof, das seit einer Weile renoviert wird und zum neuen Kulturzentrum der Stadt werden soll – das Stadtmuseum, die Stadtbibliothek und Kultureinrichtungen für Kinder sollen unter ein Dach. Schon eingezogen ist das Museum für Moderne Kunst.

Das Areal war einmal einer der größten Arbeitgeber der Stadt: 1750 wurde dort eine Zuckerraffinerie gegründet, später zog ein Tabakproduzent ein, zuletzt beherbergten die Hallen eine Maschinenfabrik (mit dem Namen Rikard Benčić), 2005 war auch damit Schluss.

Nun soll hier also das kulturelle Herz Rijekas entstehen. Für Ende September ist schon eine neue Ausstellung zur Stadtgeschichte geplant. Dubrović sucht dafür gerade noch ein Gemälde – von Franz Joseph I.

So ganz entkommt man dem Kaiser also auch 100 Jahre später nicht.

Deswegen gibt es zum Abschluss ein Foto von Robert de Niro.

Robert de Niro auf der Graffitiwand in Opatija. Er soll mal eine Nacht in der Stadt verbracht haben.

Und eine wichtige Ergänzung zum Thema Fledermäuse:

Comic aus dem Magazin New Yorker (klassische Stadtschreiberinnen-Lektüre)

5 Gedanken zu „Von Sisi, Torpedos – und Robert de Niro“

  1. Was für eine interessante und mit wunderschönen Bildern unterlegte Geschichtsstunde…Man taucht vollkommen ein und möchte sofort losfahren, um alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erkunden..
    Vielen Dank dafür!

  2. Wie schön ist das alles beschrieben! Man hat irgendwie das Gefühl dabei gewesen zu sein. Würde mich mal interessieren, wieviele Stunden man für so eine Geschichte recherchiert und schreibt.

  3. Ich kann mich den Kommentaren von Lola und LaZia nicht nur anschliessen sondern man fühlt sich bei dem Streifzug durch die Geschichte richtig an die Hand genommen. Eine Erkenntnis daraus ist: „Nichts ist beständiger als der Wandel“
    Bin auf die nächste Folge gespannt..
    LG

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