Drei Fragen (9): SPEZIAL

An drei Schulen in Rijeka wird Deutsch unterrichtet – und an der Uni.

Wieso studieren junge Kroaten heute die Sprache und was verbindet sie mit Deutschland?

Eine Interviewtour durch Rijekas Hochschule.

Ivan Nekić, 19, aus Mokreš in Slawonien

Matea Cvitko, 18, aus Škropeti in Istrien

Katarina Lučić, 20, aus Rijeka

Laura Maria Usjak Hoffmann, 18, aus Križevci in der Nähe von Zagreb

Warum studiert ihr Deutsch – welche Verbindung habt ihr zu Deutschland?

IVAN: Ich habe schon als Kind Deutsch gelernt. Meine Mutter hat während des Jugoslawienkriegs in Deutschland gelebt und mein Opa in der Schweiz, wir haben viele Verwandte in Deutschland. Ich habe die Sprache vor allem über deutsches Fernsehen und Radio gelernt. Und jetzt studiere ich die Sprache, weil ich später in Deutschland arbeiten will, als Dolmetscher oder bei einer Firma, das weiß ich noch nicht.

MATEA: Wir haben keine Verwandten in Deutschland, aber ich habe immer Serien auf Deutsch gesehen, nämlich Spongebob Schwammkopf und Alarm für Cobra 11

Das waren aber keine gute Serien

Die anderen lachen und erklären mir, dass die im kroatischen Fernsehen zu sehen sind. Außerdem: Schwarzwaldklinik und Der Bergdoktor. Da lache dann ich.

MATEA: Ich hab die Sprache auch in der Schule gelernt, nur war der Lehrer nicht so gut. Ich möchte Lehrerin werden und später Deutsch unterrichten.

KATARINA: Ich habe in den vergangenen fünf Jahren in der Nähe von Frankfurt am Main gelebt und mich in die Sprache verliebt. Meine Eltern sind von Kroatien nach Deutschland umgezogen und ich habe dort mein Abitur gemacht.

Aber studieren wolltest du nicht in Deutschland?

KATARINA: Ich habe 15 Jahre hier in Rijeka gewohnt und die Stadt schließlich doch vermisst. Meine Eltern sind aber weiter in Deutschland.

LAURA MARIA: Meine Mutter und mein Opa kommen aus Deutschland, wir haben zuhause immer Deutsch gesprochen. Mein Opa ist leider gestorben und wir hatten ein enges Verhältnis, deswegen studiere ich die Sprache jetzt, es erinnert mich an ihn. Vielleicht möchte ich mal Übersetzerin werden, aber das weiß ich noch nicht.

Was fällt euch schwer an der deutschen Sprache – oder auch leicht? Und hat jemand ein Lieblingswort?

IVAN: Ich finde Sprechen und Hören leichter als Lesen. Und ich weiß die ganzen Grammatikbegriffe nicht. Ich höre etwas und kann sagen, ob es richtig oder falsch ist, aber ich kenn die Fachbegriffe dafür nicht.

MATEA: Ich habe keine Lieblingswort. Und ich finde die Artikel sehr schwer, ich weiß nie, welches stimmt.

KATARINA: Ja, die Artikel! Warum heißt es das Mädchen, wenn das Subjekt doch weiblich ist? Und bei Lieblingswort muss ich an Schmetterling denken.

LAURA MARIA: Ich finde die Rechtschreibung schwierig!

Was würdet ihr sagen, ist der größte Unterschied zwischen Deutschen und Kroaten?

IVAN: Wir sind anders, wenn Gäste zu Besuch kommen. Also offener. Und wir schauen nicht so viel aufs Geld!

(Die anderen protestieren bei der Aussage zum Geld.)

MATEA: Unsere Nachbarn sind Deutsche, die haben hier ein Haus gekauft. Und die wollen immer, dass man die Schuhe auszieht im Haus. Und wenn sie einem was geben, erwarten sie meistens was zurück …

KATARINA: Ich fand die Gesellschaft individueller, also in dem Sinn, dass sie offener und multikultureller wirkt. Ich weiß nicht, wie Kroatien so viele Ausländer behandeln würde. Ich finde auch, dass die Deutschen ruhiger sind, nicht so temperamentvoll.

(Zustimmung von den anderen.)

LAURA MARIA: Also, bei den Deutschen muss irgendwie immer alles auf den Punkt sein. Sie müssen alles sofort machen. Die Kroaten sagen auch mal: Das mach ich später … Mein Opa hat immer gesagt: Sowas gibt’s nur in Kroatien!

IVAN: Die Deutschen furzen auch ohne sich zu schämen …

(Eine Mischung aus Protest und Gelächter bei den anderen.)

IVAN: Doch, ich hab mehrere deutsche Freunde und die rülpsen auch!

(Weiteres Gelächter.)

KATARINA: Vielleicht ist das Schamgefühl niedriger bei den Deutschen. Ich hatte in meiner Klasse Leute, die sich gemeldet und Sachen gesagt haben, die wir hier nicht sagen würden. Oder die was gesagt haben, obwohl sie gar keine Ahnung hatten. Ich finde auch, dort ist es nicht so wichtig, wie man rumläuft, also welche Klamotten man anhat. Hier werden vor allem Mädchen so erzogen, dass sie Wert auf ihr Äußeres legen sollen.

(Matea und Laura Maria nicken.)

KATARINA: Ich finde es jedenfalls gut, dass es nicht so wichtig ist, wie man zurechtgemacht ist.

Danke Ivan, Matea, Katarina und Laura Maria!

Nun einmal durch das Gebäude und hoch in den fünften Stock.

Zwischen den Abteilungen für Italienisch und Anglistik liegt die Germanistik. Und die Österreich-Bibliothek:

Natürlich mit einer Bachmann-Werkausgabe:

Schnell noch zwei Fragen an die Leiterin der Germanistik:

Petra Žagar-Šoštarić, 45, aus Matulji bei Rijeka

Gibt es etwas, das dir schwerfällt an der deutschen Sprache, obwohl du sie perfekt sprichst?

PETRA: Ich finde es manchmal schwierig zwischen Kroatisch und Deutsch zu switchen, wenn ich eine der beiden Sprachen länger nicht gesprochen habe. Beim Übersetzen, also in der Fachsprache, geht das alles automatisch, aber im normalen Alltag brauche ich manchmal ein bisschen, bis wieder alles ganz flüssig ist, ohne im Kopf rückzuübersetzen.

Was würdest du sagen, ist der größte Unterschied zwischen Deutschen und Kroaten?

PETRA: Ich habe nie in diese Richtung nachgedacht und würde da auch jetzt keine Unterschiede festlegen wollen. Das hängt doch immer vom Mensch ab, von seinem Charakter, aber nicht von seiner Nation, seiner Religion, seiner Ethnie. Stereotype stimmen einfach nicht. Viele Kroaten denken oder behaupten über Deutsche: Die Deutschen, die trinken alle Bier und essen Wurst! Aber Deutschland ist nicht das Oktoberfest.

Stimmt! Danke, Petra!

Das einzige, was ich mich im Flur noch frage:

Welches Schloss ist das auf dem linken Bild?

Weiß es jemand? Ich habe keine Ahnung. (Schäme mich ein bisschen.)

8 Gedanken zu „Drei Fragen (9): SPEZIAL“

      1. Ja, das kann man entschuldigen. Aber nicht, dass „Spongebob Schwammkopf“ als schlechte Serie bezeichnet wird! Ich habe die früher mit dem damals zehnjährigen Sohn meiner Freundin geguckt und wir haben uns köstlich amüsiert. 🙂

          1. Und da stimmt es natürlich vollumfänglich. 😉

            Auf jeden Fall ein schönes Gespräch mit aufgeweckten und sympathischen Studenten und ihrer Dozentin.

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