Literatur, Politik – und Zoom

Can you hear me? – I can see you but I can’t hear you!

Do you hear that whistling sound, too? There is a whistling sound! Hello?

Oh, hi, who are you? I think they sent me the link to the wrong event?

Bevor vergangene Woche Schriftsteller*innen aus aller Welt über Literatur und Politik diskutieren konnten, fielen in Rijeka erstmal Sätze wie diese.

Zum Europäischen Short Story Festival und dem Hay Festival Europe28 konnten wegen Corona die wenigsten Autor*innen persönlich anreisen. Also wurden sie per Zoom zugeschaltet – aus Ungarn, Dänemark, Slowenien, Kanada, England oder der Türkei. Um nur einige Länder zu nennen.

Das Line-Up war hochkarätig – von der dänischen Bestsellerautorin Janne Teller über den bosnisch-amerikanischen Schriftsteller Aleksandar Hemon oder die ungarische Autorin Zsófia Bán bis hin zur deutschen Juristin und Digitalexpertin Yvonne Hofstetter.

Die Zahl der Zuschauer in der alten Fabrikhalle Exportdrvo, wo die Diskussionen live übertragen wurden (und zum Teil auch mit leibhaftig anwesenden Autor*innen und Moderator*innen stattfanden) war leider überschaubar. Aber vielleicht haben online ja mehr Menschen zugesehen.

Gelohnt hätte es sich, denn es ging immer wieder darum, welche Antworten die Literatur auf die Politik haben kann.

Hier meine drei Favoriten:

YANN MARTEL aus Kanada, zu dessen bekanntesten Büchern Schiffbruch mit Tiger zählt, findet, dass ein guter Politiker Literatur lesen muss:

To lead effectively one has to know how things are and dream about how they might be.

Und die Vorstellungskraft eines Menschen regten vor allem zwei Dinge an: Reisen – und Lesen.

Yann Martel, Quelle: Facebook

Kein Wunder, dass Martel ein großes Problem mit Stephen Harper hatte, dem ehemaligen kanadischen Premier, der das Land von 2006 bis 2015 regierte.

Laut Martel reiste Harper weder gern noch las er viel.

When he was asked what his favorite book was, he said: „The book of World Records.“

Martel schickte Harper also von 2008 bis 2011 alle zwei Wochen ein Buch – Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke – inklusive eines Briefs, warum Harper dieses Buch lesen solle.

Eine Antwort bekam er nie.

2012 veröffentlichte Martel schließlich 101 Letters to a Prime Minister.

Einen Rat hatte er dann noch für alle, nicht nur für Politiker. Nämlich ein bisschen mehr Offenheit für Neues, für das, was einem erstmal wenig sagt:

It’s good reading books that force you to not be yourself. And if you continue reading stuff you don’t like you might end up liking it.

Was ich nun außerdem weiß: ELIF SHAFAK, eine der bekanntesten Autorinnen aus der Türkei, liebt es beim Schreiben Heavy Metal zu hören:

Silence makes me nervous.

Elif Shafak, Quelle: Hay Festival

In ihrem Haus in Istanbul laufe nicht nur Musik, wenn sie arbeite, auch Türen und Fenster stünden offen, denn die Geräusche der Stadt gehörten für sie dazu.

Shafak, deren aktuelles Buch Unerhörte Stimmen von den letzten Gedanken einer sterbenden Frau handelt, berichtete natürlich nicht nur von ihren Schreibgewohnheiten.

Sie machte vor allem deutlich, wie wichtig es ihr ist, in ihrer Arbeit Probleme in der Gesellschaft anzusprechen:

If you are a writer from a wounded country you cannot not write about politics.

Besonders die Rechte von Frauen und Minderheiten sind Themen, mit denen sie sich immer wieder beschäftigt:

When countries go backwards the rights of women and minorities are taken away first.

Mehrfach betonte sie, wie schwierig es Schriftsteller und Journalisten in der Türkei hätten – ganz besonders Satiriker:

A country that loses its sense of democracy loses its sense of humor.

(Das Interview kann übrigens hier unter Event 5 angesehen werden.)

Ähnlich sympathisch war ASJA BAKIĆ, eine der wenigen Autorinnen, die live in Rijeka waren. Ihre Story Collection Mars steht schon auf meiner Leseliste.

Die bosnische Schriftstellerin erklärte erstmal, sie habe schon ein bisschen was getrunken und man solle ihr ihre Antworten nachsehen.

Musste man aber gar nicht.

Asja Bakić hier in der Mitte, sitzend, grinsend.

Im Gegenteil: Die Autorin sprach erfrischend direkt an, was sie für ein großes Problem in Europa hält – und was auch das Festival deutlich mache: Dass all die unterschiedlichen Stimmen des Kontinents nicht wirklich gehört würden.

I mean, look around, there are no people of color here!

Man müsse sich klar machen, dass Europa wesentlich vielfältiger sei als die derzeitige Literatur zeige, erklärte sie und fügte hinzu:

Authors should be more diverse than we are.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.