Rijeka von A bis Z

Rijeka ist eine Stadt, über die die Mehrheit von uns, die in ihr wohnen, wenig weiß, obwohl wir täglich über ihre Straßen gehen und ihre wunderschönen Fassaden betrachten. Sind wir nicht eigentlich Anfängern ähnlich, die neugierig in ein unbekanntes Bilderbuch starren?

Aus „Rijeka für Anfänger“ von Irvin Lukežić, Literaturprofessor an der Universität Rijeka

Mit (selbst fotografierten) Bildern kann ich gerade noch nicht dienen. Aber mit Buchstaben! Denn wenn wir alle Rijeka-Anfänger sind, könnten wir doch mit dem ABC beginnen …

Ein Rijeka-ABC

A wie Adler

Ein Adler mit zwei Köpfen – das ist seit 1659 das Stadtwappen Rijekas.

Der zweiköpfige Adler stammt aus der Habsburger Monarchie – die zwei Köpfe symbolisierten Österreich und Ungarn. In Rijeka schauen die Adler anders als bei den Habsburgern nicht in verschiedene Richtungen, sondern in die gleiche.

B wie Bora

Die Bora kommt in Senj auf die Welt, herrscht in Rijeka und stirbt in Triest.

So lautet ein Sprichwort aus Istrien über die teils orkanartigen Bora-Winde, die zwischen Triest und der kroatischen und montenigrischen Adriaküste herrschen. Im Sommer pusten sie die Hitze vor sich her, im Winter die Kälte – sie können bis zu 250 km/h schnell werden. Dann fliegen schon mal Stühle und Tische durch die Luft. Der Name kommt vom griechischen Gott der Nordwinde: Boreas.

C wie Čakavisch

Ein südslawischer Dialekt, der in den Küstengebieten Kroatiens gesprochen wird und somit auch in Rijeka. Die Sprache ist unter anderem vom Venetischen beeinflusst.

D wie Daša Drndić

Daša Drndić // Quelle: Kriticna Masa

Drndić, die 2018 im Alter von 71 Jahren an Krebs gestorben ist, zählt zu den bekanntesten kroatischen Autorinnen und hat an der Universität Rijeka englische Literatur unterrichtet. Hier habe ich bereits ihr Buch Sonnenschein besprochen – eine Dokufiktion zum Holocaust, die ihr (vor allem im Ausland) viel Anerkennung eingebracht hat. Bei ihrem deutschen Verlag Hoffmann und Campe ist dieses Zitat von Drndić zu finden:

Es gibt keine kleinen Faschismen, es gibt keine kleinen, gutartigen Nazis. Darum versuche ich in meinen Büchern zu vermitteln, wie wichtig es ist, sich zu erinnern. In diesem Zeitalter des aggressiven Revisionismus – der dazu tendiert, unserer bereits geschädigten, verzerrten Wahrnehmung einer Gehirnwäsche zu unterziehen – ohne Erinnerung sind wir eine leichte Beute der Manipulation. Wir verlieren die Identität.

E wie Exzess

Jeden Februar feiert Rijeka den Karneval – die Stadt ist in ganz Kroatien (und darüber hinaus) bekannt dafür. Man darf davon ausgehen, dass der ein oder andere dabei betrunken ist, deswegen habe ich diesen Punkt mal unter Exzess eingeordnet. (Das K ist schon vergeben.)

F wie Fiorello La Guardia

Fiorella La Guardia // Quelle: Encyclopædia Britannica, Inc.

Der spätere New Yorker Bürgermeister Fiorello La Guardia (1882-1947), nach dem immerhin einer der New Yorker Flughäfen benannt ist, arbeitete in Rijeka zeitweise als US-Konsul.

G wie Galeb

Galeb heißt Möwe auf Kroatisch. Und Galeb ist der Name der früheren Staatsjacht von Josip Broz (1892-1980), besser bekannt als Tito, dem ehemaligen Präsidenten Jugoslawiens. Die Jacht liegt im Hafen von Rijeka und soll bis Ende 2020 für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Das Schiff wurde 1937 als Bananendampfer gebaut und nach dem Zweiten Weltkrieg umgebaut und umbenannt (es hieß eigentlich RAMB III). Von 1953 bis zu Titos Tod 1980 soll der Staatschef damit drei Kontinente besucht haben und 86 000 Seemeilen zurückgelegt haben.

Als erstes fuhr Tito damit zu Winston Churchill. Neben Papst Paul I., Nikita Sergejewitsch Chruschtschow oder John F. Kennedy empfing er darauf auch Filmstars wie Sophia Loren oder Richard Burton:

… letzterer sollte im jugoslawischen Partisanenfilm „Die fünfte Offensive“ die Hauptrolle Titos übernehmen und galt als genauso trinkfest wie das Original selbst.

Aus dem Text „Galeb: Die seltsame Karriere eines Bananendampfers“ von Veit Heinichen

H wie Habsburg

Kaffeehäuser und Fassaden wie in Wien oder Budapest: Seit dem Mittelalter gehörte Rijeka zum Habsburger Reich, die architektonischen Spuren sind bis heute zu sehen.

I wie Irredentismus

So nennt man die italienisch-nationalistische Ideologie im 19. und 20. Jahrhundert, wonach italienisch besiedelte Gebiete, die zur Habsburger Monarchie gehörten, Italien zugesprochen werden sollten. Dazu zählten besonders Trentino und Triest (die später auch italienisch wurden), aber auch Teile Dalmatiens und Istriens und somit Rijeka.

Als die Stadt nämlich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dem neu gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zugesprochen wurde, wollte der faschistische Schriftsteller und Soldat Gabriele D’Annunzio das nicht akzeptieren und besetzte die Stadt mehr als ein Jahr lang.

J wie Johannes Paul II

Hohen Besuch empfing Rijeka im Juni 2003: Papst Johannes Paul II kam zur Anhöhe Trsat hoch über der Stadt, früher eine römische Festung. Dort befindet sich einer der ältesten Marien-Wallfahrtsorte Kroatiens. (Die Legenden, die sich darum ranken, verdienen eine eigene Geschichte.)

K wie Korzo

Berlin hat den Ku’Damm, Rijeka den Korzo: Gemeint ist die zentrale Flaniermeile der Stadt. Milan Crnković (1925-1998), ein bekannter Literaturkritiker und Professor für Kinderliteratur in Rijeka dichtete:

Der Korzo ist eine Abendrevue,

der Korzo ist eine Ausstellung,

der Korso ist ein Basar des Begegnens,

des Lächelns und des Träumens,

des Reizens und Versäumens.

Aus dem Gedicht „Der Korzo am Abend“

L wie La Voce del Popolo

Bis heute gibt es in Rijeka eine italienischsprachige Tageszeitung, die sich an die italienische Minderheit in Istrien und Dalmatien und italienische Touristen richtet. La Voce del Popolo (dt: Stimme des Volkes) wurde 1944 gegründet.

M wie Mlaka Park

1874 eröffnet und angeblich einer der größten und schönsten Parks der Stadt. Wenn er so aussieht wie auf dieser Vintage-Postkarte, glaube ich das:

Alte Postkarte vom Mlaka Park // Quelle: https://www.lokalpatrioti-rijeka.com

N wie Namen

Rijeka, die drittgrößte Stadt Kroatiens, ist nicht einfach nur Rijeka.

Sondern auch:

  • Szentvit (Ungarisch)
  • St. Veit am Pflaum oder Flaum (Deutsch)
  • Reka (Slowenisch)
  • Fiume (Italienisch)

Wie bewegt die Vergangenheit der Stadt ist, zeigt wohl am besten, dass es so viele verschiedene Namen für sie gibt. Und wo wir schon beim Punkt Stadt sind: Rijekas deutsche Partnerstädte sind übrigens Neuss und Rostock.

O wie Obersnel

Vojko Obersnel // Quelle: https://www.vojko-obersnel.com

Seit 2000 hat Rijeka das gleiche Stadtoberhaupt: Vojko Obersnel. Es ist bereits die sechste Amtszeit des Sozialdemokraten, der Medizin studiert hat und einen Abschluss im Fach Genetik hat. Die aktuelle Amtszeit ist auch seine letzte. Somit wählt Rijeka 2021 einen neuen Bürgermeister.

P wie Punkrock

Wie schon erwähnt gilt Rijeka als Punkrock-Hochburg: Von hier stammt Paraf, die erste Punkbands Jugoslawiens.

Die Band Parat // Quelle: Last.fm

Q wie Quarnero

Auch Kvarner, Quarnaro oder Carnaro genannt: Gemeint ist die Bucht an der oberen Adria in Kroatien, in der Rijeka liegt.

R wie Rječina

Der Fluss, der Rijeka seinen Namen gegeben hat. Er entspringt unterhalb einer Klippe des Hügels Kičej im Hinterland und fließt durch Rijeka, wo er in die Adria mündet. Er diente über die Jahrhunderte hinweg immer mal wieder als Staatsgrenze – etwa zwischen dem kroatischen und dem ungarischen Stadtteil zur Zeit der Habsburger Monarchie.

S wie Sušak

Seit 1948 ist Sušak ein Stadtteil von Rijeka – davor war es eigenständig. Als der Freistaat Fiume 1924 aufgelöst wurde, so dass Italien Rijeka/Fiume annektieren konnte, blieb Sušak beim Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Die Verwaltung des Hafens teilte man sich.

T wie Torpedo

1866 fanden in Rijeka die ersten Tests statt: In der Stadt wurde der Torpedo erfunden und damit die moderne Kriegführung um eine entscheidende Seewaffe erweitert. 100 Jahre lang wurde der Torpedo in Rijeka produziert. Bis heute können Touristen die Abschussrampe aus den 30er Jahren besichtigen.

Damals // Quelle: Visit Rijeka
Heute // Quelle: Visit Rijeka

U wie Ungarn

Wie schon erwähnt, war Rijeka jahrhundertelang Teil der Habsburger Monarchie. Verwaltet wurde die Stadt seit 1867 von den Ungarn – die Österreicher traten die Hafenstadt ab, weil sie bereits Triest hatten. So war zeitweise Ungarisch die Amtssprache in Rijeka.

Der bekannte ungarisch-österreichische Schriftsteller Ödon von Horvath (1901-1938) wurde im Stadtteil Sušak geboren. Zu seinen bekanntesten Büchern zählt Jugend ohne Gott über einen Lehrer in der Nazi-Zeit, dessen Schüler völlig verroht sind.

Ödon von Horvath // Quelle: Literaturhaus Graz

V wie St. Veit

Wieso heißt Rijeka auf Deutsch St. Veit am Pflaum/Flaum? St. Veit ist der Schutzheilige der Stadt – ein zäher Märtyrer aus dem Mittelalter. Es brauchte jedenfalls drei Anläufe, um ihn zu töten. Löwen und Bären wollten ihn nicht fressen, aus einem Kessel mit heißem Pech entkam er unversehrt, schließlich wurde er gerädert.

W wie Wien

Aus Wien kommen nicht nur die Habsburger, aber auch die Theaterarchitekten Fellner und Helmer, nach deren Plänen im 19. Jahrhundert das Kroatische Nationaltheater in Rijeka gebaut wurde.

Kroatisches Nationaltheater in Rijeka // Quelle: Visit Rijeka

X wie …

Das X ist der Joker unter den Buchstaben – ich habe jedenfalls keinen Promi aus Rijeka mit dem Vornamen Xaver gefunden, und auch das Xylophon wurde nicht in Kroatien erfunden (sondern vermutlich in Asien). Daher folgen unter dem X nun drei Fakten, die ich noch nicht unterbringen konnte, aber keinesfalls unterschlagen will:

  • Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) hatte in Rijeka mal einen Autounfall. Laut den Herausgebern der Anthologie Europa erlesen: Rijeka machten ihm weder das Grau der Menschen noch die benzinverpestete Luft etwas aus. Glaub ich sofort …
  • Die nahe Rijeka gelegenen Inseln Krk und Cres waren in Jugoslawien beliebt bei Nudisten (heute vielleicht auch noch?) und außerdem Strafkolonien für politisch Gefangene.
  • Und: Sogar mit dem berühmtesten Schiffsunglück der Welt ist Rijeka verbunden. Nach dem Untergang der Titanic 1912 war es das Schiff Carpathia, das von New York Richtung Rijeka unterwegs war, das auf die SOS-Signale der Titanic reagierte und 712 Passagiere rettete. Einer der Retter war das Crewmitglied Josip Car, gerade mal 18 und aus Rijeka.
Die Carpathia, nicht die Titanic // Quelle: Visit Rijeka

Y wie Yugoslavia

Auch hier schummle ich nochmal: Auf Deutsch heißt es natürlich Jugoslawien, aber auf English eben Yugoslavia. Und zu Jugoslawien gehörte Rijeka von 1947 bis 1991, als sich Kroatien unabhängig erklärte.

Jugoslawien, das die meiste Zeit unter der Führung Titos war, umfasste die heutigen Staaten Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo und Nordmazedonien. Hauptstadt war Belgrad.

Z wie Zuckerraffinerie

Seit 1750 wurde in Rijeka Zuckerrohr verarbeitet. Die Fabrik zählte zu dieser Zeit zu den größten Betrieben Europas. Ab 1828 wurde dort Tabak hergestellt. Und nach dem Zweiten Weltkrieg zog eine Motorenfabrik ein.

Aber was ist Rijeka nun?

Irvin Lukežić, den ich am Anfang zitierte und der Rijeka mit einem Bilderbuch vergleicht, in das wir neugierig starren, fragt:

Also, was ist dieses Rijeka?

Hier ist seine Antwort:

Die ersten, die Pessimisten, sagen: Rijeka ist ein Stein, über den wir bei jedem Schritt stolpern, ein notwendiges Übel, eine Stadt deren Einwohner gern das wehmütige Gejammer über dies und das wiedergeben, eine Stadt ohne Identität, eine Stadt der ständig etwas fehlt, eine Stadt von beklemmender Alltäglichkeit, eine Stadt mit grauen Tauben, einem schmutzigen Meer und einem öden Korzo am Sonntag.

Die zweiten, die Optimisten, versuchen dagegen, diesem keineswegs rosigen Bild hellere Farben hinzuzufügen, die Rijeka in eine zauberhafte Kvarner Ansichtskarte verwandeln, immer in Sonne getaucht und mit einem ständig lachenden Himmel. Rijeka ist die Stadt sorgenfreier, cakavisch singender Menschen, die ihre Stadt und ihr Klima mehr lieben als alles auf der Welt.

Und schließlich die dritten, die Realisten, sie glauben, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

Irvin Lukežić

(Die zitierten Texte von Milan Crnković, Veit Heinichen und Irvin Lukežić stammen aus der Anthologie Europa erlesen: Rijeka, erschienen im Wieser-Verlag)

3 Gedanken zu „Rijeka von A bis Z“

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