Ich stelle mir lieber vor …

Wie schreibt man über eine Stadt, in der man noch nie war und in die man (erstmal) nicht fahren kann? Bilder googeln? Wikipedia durchsuchen? Bücher lesen? Habe ich natürlich längst gemacht. Aber das ist so leblos! Ich stelle mir lieber vor: Rijeka ist ein Mann, den ich im Internet kennenlerne. 

R. und ich – Teil 4

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3

Lieber R., jetzt chatten wir schon so lange, und ich weiß immer noch nicht, wie du aussiehst!

Ist das denn so wichtig?

Schon.

Sagen wir eine Mischung aus Mittelalter, kaiserlich-königlich, faschistisch und sozialistisch.

Also trägst du Bart!

Wenn du meinst.

Und was machst du beruflich?

Diese ganzen Fragen!

Wir sind hier doch beim Online-Chat und wollen uns kennen lernen.

Und wieso weiß ich dann gar nichts über dich?

Du fragst ja nie was.

Weil ich die ganze Zeit auf DEINE Fragen antworten muss.

Oha, unser erster Streit?

Kannst ja auch Gegenfragen stellen.

Hund oder Katze?

Hund.

Wein oder Bier?

Wein.

Berge oder Meer?

Beides.

Geht nicht.

Geht wohl!

Einzelkind oder Geschwister?

Einzelkind.

Du Glückliche.

Magst du deine Geschwister nicht?

Hab nur einen Halbbruder aus der österreichisch-ungarischen Zeit. 

Seht ihr euch oft?

Nein, der lebt in Italien.

Und wie heißt er?

Triest.

Schöner Name.

Ja, ja, alle finden den Namen schön. Und ihn sowieso.

Und du nicht?

Wir haben nicht das beste Verhältnis.

Weil er besser aussieht als du?

Du weißt doch gar nicht, wie ich aussehe!

Weil du mir kein Foto schickst!

Du kriegst schon noch eins

Okay, und was ist jetzt das Problem mit deinem Halbbruder?

Lange Geschichte. Es gibt halt einen Mann, den er gut findet und ich nicht.

Eine Dreiecksgeschichte? Bist du bisexuell?

Er ist mein Halbbruder, das wäre ja Inzest! Also nein. Es ist was Politisches.

Fang bloß nicht wieder mit dem Mittelalter an.

Keine Sorge. Jedenfalls: Ich sage, der Mann ist ein faschistischer Verbrecher, mein Halbbruder sagt, der Mann ist ein harmloser Dichter.

Gabriele d’Annunzio?

Woher kennst du den denn?

Ich lese halt viel. 

Und was sagst du dazu?

Dass ich nicht verstehe, wieso es in Italien ein Denkmal für d’Annunzio gibt.

Tja, das verstehen wir hier auch nicht.

Wo wohnst du denn eigentlich? Ich weiß nur: nicht auf einer Insel.

Das stimmt auch immer noch.

Du machst es spannend, oder?

Das ist doch der Reiz. Beim nächsten Mal mehr.

Jetzt läufst du wieder zum Hafen.

Vielleicht kommst du ja bald mal mit?

Hoffentlich.

Fortsetzung folgt –

Zurück in die Realität

Triest zum Halbbruder Rijekas zu machen, ist natürlich künstlerische Freiheit. Beide Hafenstädte standen immer in Konkurrenz zueinander und gehörten lange zur Habsburger Monarchie, Triest wurde von den Österreichern verwaltet, Rijeka von den Ungarn. Ich bin nicht die Erste, die die beiden Städte zusammenbringt. Der britische Architekt Thomas Graham Jackson (1835-1924), der im 19. Jahrhundert die Adriaküste bereiste, schrieb:

Fiume ist ein zweites Triest, aber in kleinerem Format. Es liegt genauso am Ende seines Golfes und am Fuß eines Amphitheaters von trockenen Bergen, die steil ins Meer abfallen mit kaum einem Küstenstreifen. So eine Lage in Kombination mit südlichem oder südwestlichen Flair lässt beide Städte im Sommer sehr heiß werden: Fiume ist dann wie ein Ofen, dem der Reisende so schnell er kann entfliehen sollte, und er wird nichts von besonderem Interesse finden, das ihn zurückhalten wird.

Nichts von besonderem Interesse? Das ist natürlich gemein …

Nochmal zurück zu Triest: Wie ich schon hier geschrieben habe, ist das Verhältnis zwischen Italien und Kroatien belastet – besonders seit vergangenem September zum 100. Jahrestag der Besetzung Rijekas durch den faschistischen Schriftsteller Gabriele D’Annunzio. Während in Triest ein Denkmal für ihn errichtet wurde (trotz des offiziellen Protests aus Kroatien), startete in Rijeka eine Ausstellung, in der die Besatzung kritisch beleuchtet wird – sie ist bis zum 31. Januar 2021 im Seefahrts- und Geschichtsmuseum zu sehen.

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