Ich stelle mir lieber vor …

Wie schreibt man über eine Stadt, in der man noch nie war und in die man (erstmal) nicht fahren kann? Bilder googeln? Wikipedia durchsuchen? Bücher lesen? Habe ich natürlich längst gemacht. Aber das ist so leblos! Ich stelle mir lieber vor: Rijeka ist ein Mann, den ich im Internet kennenlerne.

R. und ich – Teil 2

(Hier geht es zu Teil 1)

Dobro jutro, R.!

Hast du für mich Kroatisch gelernt?

Nicht wirklich. Aber ich habe gegoogelt: „Guten Morgen auf Kroatisch“.

Schlau.

Find‘ ich auch. Und was hast du heute Morgen schon so gemacht?

Spazieren gegangen, aufs Meer geguckt, Musik gehört.

Welche Musik?

Punkrock.

Punkrock?

Wer hört denn Punkrock und guckt dabei aufs Meer?

Ja, ich hab in den Siebzigern in einer Band gespielt.

In einer Punkband?!

Ja, das war die erste in Jugoslawien. Unser Name war Paraf.

Und was heißt das?

Hab‘ ich vergessen. Zu viel Alkohol.

Gestern?

In den Siebzigern.

Für dich also vorgestern.

Stimmt. Du kennst mich schon ein bisschen!

Schleimer.

Früher also Punkband, jetzt Spaziergänger?

Naja, es ist Frühling, die Sonne scheint.

Aber das Virus!

Ich wasche mir immer die Hände, wenn ich nach Hause komme.

Wohnst du eigentlich noch bei deinen Eltern?

Ich bin älter als Jesus Christus, wieso sollte ich noch bei meinen Eltern wohnen?

Die Italiener wohnen doch auch ewig bei ihren Müttern.

Ich bin aber Kroate und kein Italiener!

Ja, ja schon gut.

Außerdem ist das ein Klischee mit den Italienern und ihren Müttern. 

Heute bist du aber empfindlich.

Ich mag halt keine Klischees. 

Ich nehm’s schon zurück. Also wohnst du nicht mehr bei deinen Eltern.

Nein, seit den Neunzigern bin ich frei.

Klingt gut.

Außerdem hab ich sehr viele Eltern.

Irgendwas stimmt nicht mit dem Typen.

„Viele Eltern?“

Da.

Was?

Kroatisch für „Ja“.

Viele Eltern. Bist du ein Hippie?

Nein, ich bin nur sehr alt. Da ist natürlich viel passiert über die Jahrhunderte …

Dann erzähl’s mir! Aber bitte lass die Römer weg, die sind stinklangweilig.

Na gut, dann fangen wir im Mittelalter an.

Das ist aber so lang!

Keine Sorge, das war noch die übersichtlichste Zeit. Vom Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg waren meine Eltern nämlich österreichisch-ungarisch. Okay, einmal kam Napoleon vorbei, aber der war auch schnell wieder weg. 

Du kennst Napoleon?

Nicht wirklich. Am meisten hatte ich in der Zeit mit meinem Vater zu tun, ein Ungar. 

Deswegen sprichst du ungarisch?

Ein bisschen jedenfalls noch.

Und was war nach dem 1. Weltkrieg?

Chaos! Erst kam ein Trio um die Ecke namens Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, bei denen war ich aber nur kurz, dann war ich frei. Wäre ich auch gern geblieben, nur dann hatte ich die Italiener am Hals, die mich eh schon immer wollten. Also gehörte ich ab 1924 zu denen und zwar bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, in den letzten beiden Jahren auch noch zu den Deutschen, also den Nazis. Das war natürlich keine gute Zeit. Mit den Italienern aber auch nicht.

Wieso?

Die mochten meine slawischen Wurzeln nicht.

Verstehe.

Und nach dem Zweiten Weltkrieg?

Auch wieder Chaos. Dann wurde ich von Tito adoptiert.

Also dem da.

Genau.

Der guckt so grimmig.

Gab nicht viel zu lachen nach dem Krieg.

Verstehe.

Jedenfalls hat der noch andere adoptiert und uns alle Jugoslawien genannt. Das ging einige Jahrzehnte gut, dann wieder Krieg. Über den will ich jetzt aber nicht reden.

Verstehe.

Ist ein bisschen zu komplex für so einen Chat. 

Und zu traurig auch.

Und zu traurig auch. Jedenfalls bin ich seit den Neunzigern Kroate. Und frei. Das erzähl ich dir alles mal persönlich.

Das wär schön.

Für heute muss ich Schluss machen.

Lass mich raten: die Möwen?

Genau!

Siehst du, du kennst mich wirklich schon ein bisschen. 

Am Ende wickelt der mich noch um den Finger.

Ugodna večer, R.! 

Jetzt hast du gegoogelt „Schönen Abend auf Kroatisch“.

Genau. Dabei ist es immer noch Morgen …

Macht nichts!

Fortsetzung folgt –

Zurück in die Realität

Rijeka hatte seit dem Mittelalter wirklich 7 verschiedene Staatszugehörigkeiten – und zwar nicht immer freiwillig:

  • Seit 1465 gehörte es unter den Namen St. Veit am Flaum (oder Fiume) die meiste Zeit zum Habsburger Reich. (Unter Napoleon etwa wurde es kurz dem Königreich Italien zugeschlagen.) Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwalteten die Ungarn die Stadt – die Österreicher hatten bereits Triest und traten daher Rijeka an Ungarn ab. Die Hafenstädte konkurrierten miteinander.
  • Nach Ende des Ersten Weltkriegs (1914-1918) wurde Rijeka kurz Teil des neu gegründeten Königreichs der Slowenen, Kroaten und Serben (genannt SHS, der monarchische Vorläufer des späteren Jugoslawien).
  • 1920 aber wurde Rijeka im Vertrag von Rapallo zum Unabhängigen Freistaat Fiume erklärt. Trotzdem besetzte der italienische Faschist und Schriftsteller Gabriele D’Annunzio (1863-1938) die Stadt. Er unterdrückte die nicht-italienischen Einwohner, bis ihn die Zentralregierung in Rom mit ihrem Kriegsschiff Andrea Doria verjagte. (Da muss ich leider sofort an Udo Lindenberg denken, auch wenn es gar nicht zum Thema passt.)
  • Vier Jahre später wurde der Freistaat allerdings schon wieder aufgelöst. Mit dem Vertrag von Rom (1924) zwischen Italien und dem SHS-Königreich wurde Rijeka Teil des faschistischen Italiens unter Benito Mussolini (1883-1945). Die kroatischen (und anderen nicht-italienischen) Einwohner wurden – wie schon unter D’Annunzio – schikaniert, unterdrückt, vertrieben.
  • Als Italien im Zweiten Weltkrieg 1943 kapitulierte, kamen die Nazis bis zum Ende des Krieges 1945. Die Stadt wurde Teil der vom Hitler-Regime besetzten Gebiete und gehörte zum so genannten Adriatischen Küstenland.
  • Ab 1947 gehörte Rijeka zu Jugoslawien, obwohl die Mehrheit der Bewohner nach der rund 20-jährigen Besatzung Italiener waren – Jugoslawien wies Hunderttausende von ihnen aus, viele gingen freiwillig, weil sie Racheakte der zurückkehrenden slawischen Einwohner fürchteten. Bis heute gilt das Verhältnis zwischen Kroatien und Italien als belastet – und es scheint nicht leichter zu werden: Im September 2019 ließ Italien gegen den Protest Kroatiens ein Denkmal für d’Annunzio in Triest aufstellen.
  • 1991 erklärte sich Kroatien unabhängig von Jugoslawien und somit auch Rijeka. Die Hafenstadt blieb während der Jugoslawien-Kriege in den Neunziger Jahren von direkten Angriffen verschont.

Welche Spuren und Konflikte diese verschiedenen Epochen in Rijeka hinterlassen haben, will ich in ausführlichen Reportagen beschreiben, wenn ich vor Ort bin.

Und noch was …

Rijeka gilt tatsächlich als Punkrock-Bastion – selbst der Kulturdezernent der Stadt, Ivan Šarar, war mal Mitglied der Punkband Let3. Die gibt es seit 1987 (mit wechselnder Besetzung).

Šarar kümmert sich inzwischen darum, wie man ein Kulturhauptstadt-Programm in Zeiten einer Pandemie stemmt, also in conditions of „the new abnormal“, wie er sagt.

Die Antwort: Abstand, Abstand, Autokino. Videos. Theater aus der Ferne. Ballett ohne Berühren. Jedenfalls im Mai und Juni. Was dann kommt, ist noch offen.

3 Gedanken zu „Ich stelle mir lieber vor …“

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